Frauen können zum Motor des Wandels in Nordafrika werden
Seit Wochen gehen Millionen von Menschen in Tunesien, Ägypten und der gesamten Region für Freiheit, Demokratie und ein Ende von Korruption und Willkürherrschaft auf die Straße. Zur Überraschung manches Westlers ganz vorne mit dabei: Frauen, jung und alt, verschleiert und unverschleiert. Sie könnten zum Symbol des Aufstandes werden, und Europa sollte sie dabei unterstützen.
In der nordafrikanischen und arabischen Welt sind Frauen im täglichen Leben nach wie vor benachteiligt. Nur zwölf Prozent der ägyptischen Parlamentsabgeordneten sind Frauen, mehr als ein Drittel der Tunesierinnen können nicht Lesen und Schreiben und 35% der verheirateten Ägypterinnen sind häuslicher Gewalt ausgesetzt. Der politische Umbruch könnte zum emanzipatorischen Aufbruch werden.
Mit ihrer herausragenden Rolle in den Revolutionen in Tunesien und Ägypten machen sich die Frauen zu einem Garanten für den demokratischen Wandel. Denn kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe hat größeres Interesse daran, dass sich die Verhältnisse tatsächlich ändern – aber auch daran, dass die bunten Massenproteste nicht in reaktionären Islamismus abgleiten. Gleichzeitig wird die Stellung der Frau auch ein Gradmesser für den Erfolg des Transformationsprozesses sein. Schließlich ist eine wirklich offene und gerechte Gesellschaft ohne die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht denkbar.
Europa sollte die Frauen tatkräftig unterstützen, im Interesse der Frauen der arabischen Welt und im Interesse Europas an einem progressiven Wandel, statt Angstmache vor dem Islam. Wenn die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und andere europäische Größen in die Region reisen, sollte sie sich daher nicht nur mit alten Männern treffen. Das neue Gesicht Nordafrikas ist auch weiblich, und die Europäische Union muss das bei der Auswahl seiner Gesprächspartner(innen) berücksichtigen.
Dieses politische Signal muss die EU flankieren mit konkreten Maßnahmen. Kurzfristig heißt das vor allem: Frauen zur aktiven Teilnahme an den bevorstehenden Wahlen zu ermuntern und sie beim Aufbau der nötigen Infrastruktur zu unterstützen. Ebenso müssen die Europäer darauf hinwirken, dass die neuen, freien Medien nicht wie bisher männlich dominiert werden. Journalistinnen haben viel dazu beizutragen, die Medien der arabischen Welt vom Regierungssprachrohr zu Abbildern der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse zu machen. Diese neue Realität muss sich auch in den neuen Verfassungen Tunesiens und Ägyptens widerspiegeln. Mittelfristig sollte die EU zudem die Bildungs- und Berufschancen der Frauen zu Prioritäten ihrer Politik gegenüber der Region machen.
Die EU-Außenbeauftragte Ashton redet gerne von der Bedeutung von Frauenrechten für die europäische Außenpolitik. Mit den Revolutionen in Ägypten und Tunesien bietet sich ihr eine hervorragende Möglichkeit, diesen Worten auch Taten folgen zu lassen. Ein erster Schritt und ein eindeutiges politisches Signal wäre die schnelle Durchführung einer großen Frauenkonferenz in der Region mit aktiver Unterstützung der EU – Women for Transformation. So könnte Ashton und die EU von den Tunesierinnen und Ägypterinnen direkt erfahren, wie Europa die Frauen der nordafrikanischen Region in ihrem Drang nach Wandel am wirkungsvollsten unterstützen kann. Ein Wandel, der auch im Interesse Europas wäre.










