Der Mensch muss in den Mittelpunkt
Heidelberg. Klar, ein bisschen frech klingt es schon: “Grün macht gesünder”, so hatte der Heidelberger Bundestagsabgeordnete Fritz Kuhn seinen Vortrag zur Gesundheitspolitik überschrieben. Gründe dafür gibt es nach Ansicht des 54-Jährigen, dem ein anwesender Orthopäde eine überaus “sportliche Figur” bescheinigte, aber viele. Zum einen natürlich, dass eine “grüne”, an ökologischen Gesichtspunkten orientierte Lebensführung auch dem Menschen zuträglich ist. Zum anderen, dass eine Bürgerversicherung, wie sie Bündnis 90/Die Grünen vorschlagen, die Ärmeren nicht auch noch kränker macht als den Durchschnitt der Gesellschaft, wie es im derzeitigen System der Fall ist, sondern für mehr Gerechtigkeit auch in der Krankenversorgung steht. Ganz zu schweigen davon, so Kuhn in der Bibliothek des Deutsch Amerikanischen Instituts, dass seine Partei eine Gesundheitspolitik propagiert, “die endlich den Patienten in den Mittelpunkt stellt”. Das findet auch Franziska Brantner, die Abgeordnete des Europäischen Parlaments für die Metropolregion Rhein-Neckar. Die Parlamentarierin, die für die Fraktion der Grünen/EFA in Brüssel und Straßburg sitzt, ist froh, dass ihre Partei dieses Thema in den Fokus nimmt.
Mit seinen Ausführungen rannte der begeisterte Fußballfan und passionierte Läufer Fritz Kuhn beim medizinisch versierten Publikum offene Türen ein. Denn, dass es knackt und knirscht im Gesundheitssystem und die Kassen immer wieder vor dem Kollaps stehen, ist kaum zu überhören. Dabei geht es um eine grundsätzliche Frage, darin waren sich alle einig. Die Gesellschaft muss klären, wie viel ihr ein preiswertes Gesundheitssystem wert ist. Und das hat nicht nur mit Quantität, sondern auch viel mit Qualität zu tun und nicht immer hängt alles am Geld, wie Studien aus den USA zeigen. Wo die medizinische Versorgung gut ineinander greift und alle im System miteinander reden, kann die optimale Lösung auch die günstigste sein.
“Das Thema birgt Zündstoff”, so die Landtagsabgeordnete und Moderatorin des Abends, Theresia Bauer, “sonst wäre die Regierungskoalition nicht genau an diesem Punkt so zerstritten”. Ihre Partei habe sich nun aufgemacht, nicht nur zur kritisieren, sondern die besseren Konzepte vorzulegen und das in Abstimmung mit den Betroffenen, sei es als Beschäftigte (immerhin 5,5 Millionen Arbeitnehmer in diesem Sektor, im Automobilbau sind es nur 800000) oder als Betroffene, die deren Dienste in Anspruch nehmen.
Woran krankt’s? Da sind, so Fritz Kuhn, die Kosten. Die explodieren geradezu. Wurden 1992 noch 2000 Euro pro Kopf und Jahr ausgegeben, waren es 2008 schon 3210, die Kosten für Arzneimittel sind von 1999 bis 2009 um 58 Prozent gestiegen. Nicht geklärt ist, ob die steigende Lebenserwartung einen Anteil daran hat. Denn eigentlich, so zahlreiche Studien, sind es vor allem die letzten beiden Lebensjahre, die hohe Kosten verursachen. Problematischer ist da schon, dass die Zahl chronischer Erkrankungen wie Allergien, Diabetes, Asthma, die sich allesamt vervielfacht haben.
“Es gibt einigen Grund rumzujammern, aber besser ist, wir machen uns frohgemut an die Bewältigung der Probleme”, gab Kuhn die Devise aus. Denn, dass das Gesundheitssystem ein Jobmotor ist, der auch noch internationale Spitzenergebnisse in Medizin und Technologie ermöglicht und immer noch als eines der besten der Welt gelten kann, ist ebenso unstrittig.
Doch gleichzeitig ist kaum ein Bereich laut Kuhn so “brutal von Lobbyisten durchsetzt und so wenig transparent”. Er plädierte dafür, die Beiträge mehr von der Erwerbsarbeit abzukoppeln, das private Kassensystem abzuschaffen und Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder zu gleichen Teilen zu beteiligen sowie die Beitragsbemessungsgrenze anzuheben. Dennoch, so goss der gebürtige Bad Mergentheimer Wasser in den Wein, eine sprudelnde Quelle des Geldes sei auch die Bürgerversicherung nicht. Aber gerechter und stabiler als das bisherige System schon. Gleichzeitig gelte es viel stärker als bisher auf Prävention zu setzen und Gesundheitsbildung als gesellschaftliche Aufgabe zu begreifen. Dazu gehört ein gesundes Schulessen (wie es sich die kleine Sophia an diesem Abend sehnlichst wünschte) genauso wie Bolzplätze in den Städten, mehr Bewegung für alle und eine generell gesündere Lebensführung. Da musste sich der Bundestagsabgeordnete allerdings an die eigene Nase fassen. Hat er doch beobachtet, dass die ständige Verfügbarkeit über Mobiltelefon und Internet viele um eine der letzten “Inseln der Entschleunigung” gebracht haben, den erquickenden Schlaf in Sitzungen.
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