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Familienfreundlichkeit ganz praktisch

Veröffentlicht am: 20. Juni 2010

Freiburg “Familienpolitik geht ganz tief an die traditionellen Wurzeln”. Die grüne Europaabgeordnete Franziska Brantner weiß, wovon sie spricht. Nicht nur, weil sie vor rund einem Monat selbst Mutter einer kleinen Tochter geworden ist, sondern wegen ihrer vielfältigen internationalen Erfahrung. Während die polyglotte Südbadnerin beispielsweise von französischen Freunden hört, was für ein Luxus es doch sei, dass sie und ihr Mann insgesamt sechs Monate Elternzeit hätten, herrscht in Deutschland oft noch große Skepsis, ob Kind und Karriere überhaupt erfolgreich unter einen Hut zu bringen sind.Solche kulturellen Diskrepanzen kennt die 30-jährige Politologin und Volkswirtin auch aus dem Parlament. Schon die Unterschiede bei der obligatorischen Auszeit für „Schwangere und Wöchnerinnen“ in den europäischen Ländern sind eklatant. Geht es dann auch noch, wie derzeit bei den Verhandlungen über die Mutterschutzrichtlinie, um 14 Tage, die sich Väter bei vollem Lohnausgleich dem frisch geborenen Nachwuchs kümmern können, brechen Gräben auf. “Familienpolitik in der EU – Chancengleichheit von Männern und Frauen”, so lautete ihr Thema bei der Volkshochschule Freiburg. “Eigentlich”, so war sich die Europaabgeordnete mit ihren Zuhörerinnen einig, “darf Gleichberechtigung keine kulturelle Frage sein”. Längst schon, das erkennen auch immer mehr Unternehmen, handelt es sich vielmehr um  einen ökonomischer Standortfaktor, wie gut Beruf und Familie für beide Geschlechter zu vereinbaren sind. Doch wie vieles im europäischen Kontext sind es dicke Bretter, die es zu bohren gilt. Das hat Franziska Branter schon erkannt, als sie nach dem Besuch des Freiburger Deutsch-Französischen Gymnasiums sowie Studium in Paris und New York, für die Frauenrechtsorganisation der Vereinten Nationen in deren Brüssler Büro tätig war.

Selbst zu gestalten, das war für die Grüne von Jugend an letztlich der Beweggrund für das Parlament zu kandidieren. Seit sei vor etwas mehr als einem Jahr für Baden und die Pfalz dort einzog, hat sie im Außen- und Sicherheits- sowie Haushalts- und Frauenausschuss etliches auf den Weg gebracht: Im Hinblick auf den Auswärtigen Ausschuss, das so genannte Stabilitätsinstrument zur Krisenintervention, fehlgeleitete Gelder, die sie wieder zurückgeholt hat, und immer wieder die Frauenpolitik.

Grundsätzlich, so erklärte sie im Theatersaal des “Schwarzen Klosters”, werden die familienpolitischen Schwerpunkte der 27 Länder entlang zweier Achsen definiert. Die eine ist, ob Unterstützung eher über staatliche Institutionen oder Transferleistungen gewährt wird, die zweite, ob die Betonung eher auf einer hohen Frauenerwerbsquote oder auf Gleichberechtigung liegt. Beispiel gefällig? In Frankreich gibt es kein Kindergeld, aber es ist normal, dass die Sprösslinge ab drei Monate in eine qualitativ gute und preisgünstige Krippe gegeben werden können. Der Anteil der Frauen, die arbeiten, liegt bei über 70 Prozent, allerdings ist die Familienarbeit dennoch fast ausschließlich in weiblicher Hand. Überdies ist im Nachbarland ein weiterer Streit um Diskriminierung entbrannt. Frauen erhielten bislang pro Kind einen Bonus für drei Jahre Rente, Väter nicht, egal, ob sie die Erziehung in Händen hatten oder nicht. Der Klage eines Vaters vor dem Europäischen Gerichtshof wurde stattgegeben. Wie es am Ende ausgeht, ist noch nicht endgültig klar.

In Schweden hingegen gibt es zwar einiges an staatlichen Einrichtungen, aber auch beträchtliche Transferzahlungen, damit die Eltern sich selbst auf sie zugeschnittene Betreuungsmöglichkeiten organisieren und bezahlen können. Die Aufteilung unter den Geschlechtern läuft gut, die Erwerbsquote insgesamt ist hoch, aber Männer wie Frauen arbeiten oft Teilzeit, wenn der Nachwuchs klein ist. Deutschland hingegen hat eine niedrige Erwerbsquote von Frauen, hohe Zahlungen an Kindergeld und eine eher mittelmäßige Betreuungssituation. In Italien ist die Lage noch schlechter, dementsprechend sank die Geburtenrate dramatisch. “Letztlich”, so Brantners Blick, “hat sich in der Vergangenheit in Europa schon viel getan im Hinblick auf Mutterschutz und Elternzeit”. Auch wenn noch große Lücken klaffen und die konservativen Kräfte die Mehrheit in Straßburg und Brüssel haben. Allerdings, das erlebt sie häufig, ist nichts Erreichtes auf ewig, sondern muss immer wieder kämpfend bewahrt werden. Dabei könnte auch der Blick über den Tellerrand vielen helfen. Beispiel: Frankreich. Dort kann sich jeder für 30 Euro im Jahr registrieren lassen und dann von einer Stunde auf die andere über die örtliche Postagentur Hilfe bekommen. Egal, ob die Oma schnell jemanden braucht, der heute mal für sie einkauft, die Kinder während eines Arztbesuches gehütet werden müssen, jemand sauber machen oder den Garten richten sollte. Die Unterstützung naht, unbürokratisch, schnell, zu einem festen Tarif und familienfreundlich. Die Augen der Anwesenden bei der Volkshochschule glänzten. “Und für den Arbeitsmarkt ist das auch noch gut”, so Franziska Brantner abschließend.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Antidiskriminierung / Chancengleichheit, Freiburg, Soziales und Bildung


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