Altrip: Polder auf dem Prüfstand

Altrip. Nicht wenige würden die Lage von Altrip schlicht idyllisch nennen. Eng an den Rheinbogen geschmiegt, bietet die 8000-Seelen-Gemeinde, die in römischen Zeiten gegründet wurde, südlich von Ludwigshafen und mit Mannheim am Flussufer gegenüber, eine ländliche Abgeschiedenheit, wie sie sonst kaum im dicht besiedelten Rheintal zu finden ist. Zumal die Altrheinarme auf der anderen Seite des Ortes im Verbund mit zwei Baggerseen, die auch noch den schönen Namen “Blaue Adria” tragen, für echte Urlaubsstimmung sorgen.
Doch das Wasser, das für diese besondere Lage verantwortlich ist, stellt auch die größte Bedrohung der Kommune dar. “Wir befinden uns idyllisch in der Sackgasse”, beschrieb das Bürgermeister Jürgen Jacob der grünen Europaabgeordneten Franziska Brantner bei ihrem Informationsbesuch. Die junge Parlamentarierin, welche die Metropolregion Rhein-Neckar in Brüssel und Straßburg vertritt, weiß um die Ängste der Menschen vor dem geplanten Bau eines mindestens 70 Millionen Euro teuren, als “Polder” bezeichneten Hochwasserrückhaltebeckens. Zwar haben die Altriper, so erklärt das der Fraktionsvorsitzende der Grünen im örtlichen Gemeinderat, Toni Krüger, “gelernt mit dem Wasser zu leben”. Aber schon jetzt steigt das Grundwasser bei Rheinhochwasser bis an die Geländeoberfläche. Nirgendwo sonst, so Krüger, “ist eine Gemeinde so direkt betroffen von einem Polderbau wie hier”.

Wenn jetzt noch einmal 124 Hektar, das entspricht zwölf Prozent der Gemarkungsfläche, als Polder ausgewiesen werden sollen, verursacht das bei vielen ein mulmiges Gefühl. “Wirtschaftlich bedeutete das das Aus”, formuliert das Ortsoberhaupt Jakob drastisch. An weitere Grundstücksverkäufe für den Hausbau sei dann nicht mehr zu denken. Aber auch die bereits bestehenden Reiterhöfe und Bauern fürchten um ihre Existenz, wenn die Flächen noch nasser werden als ohnehin schon. Ganz zu schweigen von den Hausbesitzern, deren Gebäude noch über das bisherige Maß hinaus in Mitleidenschaft gezogen werden könnten und denen bei größeren Hochwassern mit der jetztigen Planung der Fluchtweg abgeschnitten wird. Und die Natur, die nicht nur bei jeder Flutung sondern schon beim Bau des Polders unwiderbringlich Verluste einstecken müsste.
Bei einer mittleren Flut, so demonstrierte die Bürgerinitiative “Hochwasser und Naturschutz” (BIHN) der Europaabgeordneten mit Kartenmaterial, würde aus Altrip eine Insel. Eine von zwei Verbindungsstraßen stünde unter Wasser. Der zweite Fluchtweg führt über einen Rheinhauptdeich, der bei längerem Hochwasser von zwei Seiten durchweicht. Und da der Wasserstand im Polder vier Meter über Ortsniveau liegt, wäre die Zeit für eine Evakuierung im Falle eines Deichbruchs minimal.
“Kein Wunder, dass sich die Leute wehren”, so Franziska Brantner. Es sei gut, dass das Bundesverwaltungsgericht vor knapp zwei Monaten entschieden hat, sich der Sache anzunehmen, weil sie “grundsätzliche Bedeutung” habe. Das hatte noch vor einem Jahr ganz anders ausgesehen, als das Oberverwaltungsgericht in Koblenz die Klage der Gemeinde und zweier weiterer Kläger abwies und den weiteren Rechtsweg verbaute. Die Beschwerde dagegen hatte nun Erfolg. Jetzt, wo der Europäische Gerichtshof dazu auch Stellung nehmen kann, könnte der Naturschutz endlich eine Chance haben, hofft auch Bürgermeister Jacob. Hundertausende von Tieren, darunter zahlreiche strenggeschützte Arten, würden bei einer Flutung regelrecht “absaufen” (Rund 400 verschiedene Vogelarten sind nachgewiesen, ebenso wie Hirschkäfer, Gelbbauchunke, Kammmolch und zahlreiche Fledermäuse), die Flora wäre auf Jahre hinaus beeinträchtigt. Durchaus vorstellbar, so die Europaabgeordnete, dass der Planfeststellungsbeschluss, weil die naturschutzrechtlichen Vorgaben nicht ausreichend berücksichtigt wurden, an einem schwerwiegenden Fehler leidet, zumal auch keine alternativen Standorte geprüft worden seien. Außerdem nimmt die geplante Hochwasserrückhaltung gleich mehrere Flora-Fauna-Habitat- und Vogelschutzgebiete in Anspruch.
Auf alle Fälle, so kündigte Franziska Brantner es an, wird Sie in Kürze eine Anfrage an die EU-Kommission in Sachen Altrip richten. Die soll herausfinden, ob die Planungen konform mit den neuen europäischen Hochwasserrisikomanagementrichtlinien sind, die seit dem 1. März dieses Jahres auch für Deutschland gültig sind und ob es nicht eine Neubetrachtung im Hinblick auf Hydrologie, Natur- und Umweltschutz geben muss.
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