Besuch am 28. Oktober in Weinheim
Beim Besuch im Weinheimer Rathaus.
Weinheim. Es gilt, Pflöcke einzuschlagen, wenn demnächst auf Europäischer Ebene ausgehandelt wird, wohin ab 2013 die Gelder der Strukturförderung fließen. Und die Gemeinden und Regionen sind da für die Mitglieder des Parlaments wichtige Ansprechpartner. Denn sie wissen, wo Unterstützung gebraucht wird, was gut und was weniger gut läuft. Deswegen war Weinheim eine der ersten Adressen der Antrittsbesuche der grünen Europaabgeordneten Franziska Brantner in ihrem Wahlkreis, der Metropolregion Rhein-Neckar. „Mit Leuten sprechen, die schon Erfahrung haben“, so die Devise der 30-jährigen Politikwissenschaftlerin für ihren Visite, zu der sie die Grüne Partei, deren Kreisverband und die Stadtratsfraktion eingeladen hatten.
Von Oberbürgermeister Heiner Bernhard erfuhr sie von der Entschlossenheit der Zweiburgenstadt, in Zukunft Bildungsregion zu werden. Davon soll es nach dem Willen des Landes in jedem Kreis eine geben. Kritisiert wurde vom SPD-Stadtoberhaupt aber die verbreitete Art und Weise der Förderung. Innovative Projekt bekommen eine Anschubfinanzierung, dann entwickeln sie sich prächtig und die Kommunen sollen sie künftig bezahlen. Auch im Hinblick auf das kommunale Selbstverwaltungsrecht ist ihm die Europäische Kommission viel zu rigide. „Stimmt“, so Franziska Brantner. Den Eindruck am „Gängelband der Technokraten“ zu sein, kann sie den Städten und Gemeinden nachfühlen und hofft, dass der Lissabon-Vertrag da einiges verändert.
Sie selbst hat vor, in einer Studie konkret zu beleuchten, wohin in der Region das Geld aus Europa in die Metropolregion fließt. Dabei werden alle Bereich genau unter die Lupe genommen. Erste Ergebnisse sollen im nächsten Sommer vorliegen. Und besonders gelungene Ideen dürfen dann zum Nachahmen anregen. Weinheim, so erfuhr die Abgeordnete, hat da schon etwas zu bieten. Über eine gemeinsame Stiftung gelingt es seit vielen Jahren, Auszubildende aus der französischen Partnerstadt Cavaillon beziehungsweise Weinheim in die jeweils andere Kommune für ein mehrmonatiges Praktikum zu schicken. Die gebürtige Südbadenerin denkt aber noch ein Stück weiter. Sie könnte sich vorstellen, dass auch auf technischem Weg Partnerschaften möglich sind. „In Italien gibt es Dächer und eine tolle Einspeisevergütung für Solarstrom“, so Brantner, „und in Deutschland die Technologie“. Da leuchten die Augen des Stadtoberhaupts. Schließlich ist sein Weinheim nicht nur mit dem ostdeutschen Eisleben und dem israelischen Ramat Gan, sondern auch noch mit dem italienischen Imola verschwistert.
„Richtig tolle Arbeit“, befand Franziska Brantner, „was in Weinheim mit dem Geld aus dem Europäischen Sozialfonds geleistet wird“. Das, was das Team um Susanne Felger bei „Job Central“ und bei der Kommunalen Koordinierungsstelle auf die Beine stellt, dürfte selbst im intenationalen Maßstab große Klasse sein. Schon vor über einem Jahrzehnt habe man in der Zweiburgenstadt erkannt, wie wichtig es ist, Jugendlichen den Berufsstart mit konzentrierten Kräften zu erleichtern, beschreibt sie. Der Übergang von der Schule in den Job muss gemanagt werden und das nicht erst in der Abschlussklasse.
Neben der Regionalen Jugendagentur Badische Bergstraße „Job Central“ nehmen die Weinheimer auch am Bundesprojekt „Perspektive Berufsabschluss“ teil. Dadrin steckt wiederum Geld aus Brüssel und Straßburg. Von 2008 bis 2012 fließen in die teilnehmenden Projekte in Deutschland insgesamt 35 Millionen Euro. Konkret geht es bei den 49 geförderten Vorhaben darum, jungen Männern und Frauen zu einem anerkannten Berufsabschluss zu verhelfen und dann die Tür zu einem Ausbildungsplatz zu öffnen. „Es gibt viele Akteure, aber alle haben ihre eigene Logik“, so Felger. Deshalb sollen die vorhandenen Unterstützungsmöglichkeiten auch mit Hilfe der „Perspektive Berufsabschluss“ besser auf den tatsächlichen Bedarf hin ausgerichtet und miteinander verzahnt werden.
Als vor zehn Jahren „Job Central“ ins Leben gerufen wurde, war das Pionierarbeit. Heute leistet die Initiative die praktische Arbeit. Getragen wird sie von Weinheim und sieben Nachbargemeinden, der Freudenberg-Stiftung sowie dem Stadtjugendring. Auf den Lorbeeren ausruhen will sich hier aber niemand. Derzeit geht es darum, die Qualität der Berufsvorbereitung an den Schulen zu verbessern, die Betriebe, die Eltern und die Azubis in spe verstärkt mit ins Boot zu holen. Ein weiterer Antrag auf Förderung durch die Europäische Union wurde gerade gestellt. Dabei sollen türkische Eltern als Motoren für Ausbildung gewonnen werden. Susanne Felger und ihre Mitstreiter haben aber bei allem den Blick fürs Ganze keine Sekunde verloren. Sie sind Teil der „Weinheimer Bildungskette“. Der liegt die Vorstellung zugrunde, dass manche Probleme nicht mehr zu lösen sind, wenn die Jugendlichen sich erst einmal in der Pubertät befinden, sondern bereits im Kindergartenalter angegangen werden müssen. Auch wenn „Job Central“ und die Koordinierungsstelle ziemlich erfolgreich darin sind, immer wieder neue Anträge zu stellen und Geld für ihre Vorhaben zu gewinnen, moniert Susanne Felger die zeitliche Begrenzung. Vor allem bei den Geldern des Europäischen Sozialfonds, die im Rhein-Neckar-Kreis durch das Landratsamt ausbezahlt werden, stehe Jahr für Jahr eine Zitterpartie ins Haus. Überdies, so Felger, gelte es nicht aus den Augen zu verlieren, dass es um mehr geht als nur um Berufsfindung. Mangelnde soziale Kompetenz und Persönlichkeitsentwicklung seien es, die oft den erfolgreichen Einstieg verhinderten. „Wenn die Kids auf diesem Feld fitter wären, hätten sie ganz andere Möglichkeiten im Beruf“.
Den Abschluss bildete dann das Mehrgenerationenhaus in der Weinheimer Weststadt. Während die Integration ganz unterschiedlicher Nationen da schon richtig gut klappt, hapert es noch ein bisschen im gemeinsamen Tun von Älteren und Jüngeren, wusste Friedlinde Rothgängel zu berichten. Aber schon jetzt finden knapp 100 Besucher pro Tag den Weg hierher. Und ob türkische Mütter, Kraftsportler, Hip Hop-Mädchen, das russische Frauencafe oder die spanische Tanzgruppe, die Kurse werden immer besser angenommen. Wenn jetzt noch mehr „Leihomas“ zusammenkommen und die jungen Besucher den Senioren beim „Computern“ helfen, dann ist ein wesentliches Ziel erreicht. „Aber“, so Rothgängel, „drängen darf man nicht, hier muss man die Sachen wachsen lassen“.
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