Die Architekten Europas

Ludwigshafen. Der Europäische Einigungsprozess wird nicht allein durch Gesetze und Regelungen vorangetrieben. Viel wichtiger noch als die voranschreitende Vereinheitlichung auf rechtlicher und politischer Seite ist es, bei allen Menschen ein Bewusstsein für die Ähnlichkeit aller europäischer Völker zu schaffen, und somit Verständigung, Austausch und den Abbau von Vorteilen voranzutreiben und damit letztlich eine Europäische Identität zu stärken. Von offizieller Seite wird dies durch Austauschprogramme, wie beispielsweise durch das Erasmus-Programm, welches Studenten das problemlose Studieren im Ausland ermöglichen soll, bewerkstelligt. Ähnliche Programme gibt es auch für Auszubildende, denen sich so die Chance eröffnet, ihre fachlichen, aber auch menschlichen Erfahrungen im europäischen Ausland zu erweitern.
Doch auch abseits der offiziellen Programme gibt es immer wieder couragierte Menschen, die mit eigenen Projekten und viel Aufwand zur Verständigung der Europäischen Völker beitragen. Ein detailliertes Bild über eine solche Organisation, den Internationalen Bauorden, konnte sich Franziska Brantner, grüne Europaabgeordnete für die hMetropolregion Rhein-Neckar, letzten Mittwoch verschaffen, als sie dem Koordinationsbüro des Bauordens in Ludwigshafen einen Besuch abstattete. Dabei kam sie mit dem Geschäftsführer der deutschen Sektion des Bauordens, Peter Runck, aber auch mit bisheringen Teilnehmern der Baucamps ins Gespräch, die der Abgeordneten von ihren persönlichen Erfahrungen berichteten.
Der zutiefst europäische Gedanke des Bauordens wird bereits bei einem Blick auf seine Gründungsgeschichte deutlich: 1953 gründete der holländische Geistliche Werenfried van Straaten im Angesicht der gerade zurückliegenden deutschen Besatzung den Bauorden, um für deutsche Kriegsheimkehrer und Vertriebene neue Bleiben in Deutschland zu bauen, somit Versöhnung und Verständigung zwischen den Völkern voranzutreiben, und zukünftige Konflikte zwischen den europäischen Staaten auszuschließen. Nachdem der Wiederaufbau in Deutschland beendet war, wurde das Programm jedoch nicht eingestellt, stattdessen begann man die Arbeit auf gemeinnützige Projekte in anderen Ländern auszuweiten. Heutzutage gibt es Baucamps in allen Ländern Europas, vor allem aber in Mittel- und Osteuropa, die jährlich von über 2500 Teilnehmern in Europa, darunter 500 Jugendlichen aus Deutschland, wahrgenommen werden.
Für diese Jugendlichen bieten die Baucamps, bei denen Englisch gesprochen wird und Menschen mit ähnlichen Interessen zusammengeführt werden, die Gelegenheit, das Gefühl europäischer Gemeinschaft ganz direkt kennenzulernen und im Kontakt mit anderen Jugendlichen eigene Vorurteile abzubauen. Dabei wird mit der eigenen Hilfe an den Gebäuden ganz direkt die lokale Bevölkerung unterstützt, welche dadurch selbst Interesse und Begeisterung für den europäischen Gedanken entwickelt. So berichtet Moritz Ambrusch, ein ausgebildeter Steinmetz, der nun eine Ausbildung zum Arbeitserzieher absolviert, und bereits an 14 verschiedenen Baucamps teilgenommen hat, von der Reaktion der örtlichen Bevölkerung: Nachdem die Jugendlichen zunächst nur ungläubig beäugt wurden, dass sie tatsächlich umsonst arbeiten, fingen immer mehr Bewohner an, die Jugendlichen zu unterstützen, indem sie ihnen Essen vorbeibrachten – oder sie packten gleich selbst mit an. Trotzdem berichtet Moritz, dass er auch in Deutschland die Erfahrung gemacht hat, “dass man manchmal komisch angeguckt wird, wenn man sagt, dass man umsonst arbeitet”. Dabei beklagt er die damit zusammenhängende Geringschätzung gemeinnütziger Arbeit in der heutigen Gesellschaft.
Die Abgeordnete Franziska Brantner betonte, dass es von Seiten der Europäischen Union beispielsweise das Leonardo-Programm für Auszubildende gibt, welches einen Auslandsaufenthalt während der Ausbildung ermöglicht. Leider sind diese Programme meist unbekannter als das Erasmus-Programm für Studierende, und mangels Informationen werden die Angebote oft nur unzureichend angenommen, so dass Stipendien der Europäischen Union ungenutzt verfallen. Dabei wäre es gerade wichtig, und in diesem Punkt sind sich alle einig, dass auch Kindern und Jugendlichen aus nicht-akademischen Kreisen die Möglichkeit gegeben wird, Europa für sich zu entdecken und zu verstehen. Denn heutzutage sind Auslandserfahrungen integraler Bestandteil der Berufs-, aber auch Persönlichkeitsbildung. Oder, wie es Peter Runck formuliert: “Jeder hat das Recht, sich einzubringen und Erfahrungen zu machen”. Der Bauorden zeigt, wie dies funktionieren kann und leistet so mit jedem Baucamp einen Beitrag zur Völkerverständigung und zum Bau eines Gebäudes namens Europa.
Von Alexander Franke
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