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Gentechnik auf dem Acker noch nicht vom Tisch

Veröffentlicht am: 5. September 2010

Ladenburg. Das Thema Gentechnik auf dem Acker ist noch lange nicht vom Tisch. Dies wurde deutlich bei einer Veranstaltung, die der Landtagsabgeordnete Uli Sckerl mit den Ladenburger Grünen und dem Kreisverband Neckar-Bergstraße ins Leben gerufen hatte. Auch wenn rund um die Versuchsfelder beim Weiler Neubotzheim nach dem Verbot der Genmaissorte Mon 810 eine trügerische Ruhe herrscht. Quasi von gestern ist diese Problematik, weil die Kommission der Europäischen Union nicht nur vor kurzem drei neuere Genmaissorten zur Einfuhr, wenn auch nicht zum Anbau, zugelassen hat, sondern überdies nach mehr als zehn Jahren Hickhack “grünes Licht” für die “Amflora” gegeben hat. Und das obwohl mehrere konventionell gezüchtete Sorten mit gleichen Eigenschaften zur Verfügung stehen. “Diese genmanipulierte Kartoffel aus dem Labor der BASF ist erst der Anfang”, so die grüne Europaabgeordnete für die Metropolregion Rhein-Neckar, Franziska Brantner, bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach der Babypause. Gemeinsam mit Alexander Spangenberg, künftiger Ladenburger Gemeinderat und lange schon für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in der Kurpfalz aktiv, machte sie deutlich, woher der Wind weht.Die “Amflora”, eine stärkereiche Knolle vor allem für Papier, Garne, Farben und Klebstoffe, die in der vergangenen Wochen im Beisein des bundesdeutschen Wirtschaftsministers in Mecklenburg-Vorpommern geerntet wurde, bedeutet für die BASF eine Art Startschuss. Den “Kick-off” quasi für Entwicklung und Verbreitung von “Amadea” und “Fortuna”, zwei weiteren Genkartoffeln, die aber im Gegensatz zur “Amflora” als Nahrungsmittel eingesetzt werden sollen. Und den “Kick-off” für eine Milliarden Euro schwere Zusammenarbeit mit dem US-Giganten Monsanto. Das Unternehmen, das sich ganz klar die Beherrschung des Weltmarktes für Saatgut aller Art auf die Fahnen geschrieben hat, ist für viele Kritiker der grünen Gentechnik eine Art “Inbegriff des Bösen”.

Beide Unternehmen, so Franziska Brantner, wollen in den nächsten Jahren nicht nur gemeinsam einen Gen-Weizen auf den Markt bringen, sondern auch mit diesem Verfahren Mais-, Soja-, Baumwolle- und Rapssorten. Peter Eckes, der Präsident von BASF Plant Science in Ludwigshafen, zitierte die junge Europa-Abgeordnete in Ladenburg mit den Worten, “die Ausweitung der Partnerschaft spiegelt wider, wie gut sich beide Unternehmen ergänzen”. Während Monsanto die Vermarktung übernehmen soll, wird von Ludwigshafen aus die Forschung gesteuert.

Eigentlich alles unnötig. Denn, betonten Brantner und Spangenberg unisono, es gibt Nachweise dafür, dass die grüne Gentechnik nirgendwo auf der Welt die Dinge zum Besseren gewendet habe. Obwohl weltweit schon 77 Prozent des Sojas, knapp 50 Prozent der Baumwolle, 26 Prozent des Mais und 21 Prozent des Raps genmanipuliert sind.

Die Europäer lehnen solche Verhältnisse mit großer Mehrheit (rund 86 Prozent) und seit vielen Jahren konstant ab. Sie wollen keine gentechnisch veränderten Lebensmittel, allerdings, gab Franziska Brantner zu bedenken, nehmen vor allem die Fleischesser schon vieles davon zu sich. Denn bislang muss nicht gekennzeichnet werden, ob die Tiere genmanipuliertes Futter bekommen haben. Ein Missstand, den die Abgeordnete, in Straßburg und Brüssel, mit ihrer Fraktion immer wieder anprangert.

Die Erfahrungen in Brasilien, Argentinien, den USA oder Kanada geben der Skepsis der Menschen Recht. “Drei Jahre lang”, so Spangenberg, “gibt es tatsächlich höhere Erträge und weniger Schädlingsbekämpfungseinsatz und dann kippt’s”. So ist in den USA seit 2005 der Pesitizideinsatz aus diesem Grund um 30 Prozent gestiegen. “Für Landwirte, Umwelt und Verbraucher eine Katastrophe”, so Spangenberg. Für ihn gibt es zum rigorosen Verbot keine Alternative. “Die Koexistenz von genmanipulierten und nichtmanipulierten Erzeugnissen ist eine Schimäre”, sagte er vor rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern im Domhof, “wenn wir uns auf das Zeug einlassen, haben wir die Kontamination”.

Ganz zu schweigen von den Auswirkungen, die gar nicht absehbar sind. So haben viele genmanipulierte Pflanzen, beispielsweise auch die “Amflora”, während des Forschungsprozesses eine Antibiotikaresistenz eingesetzt bekommen. Eines dieser Resistenzgene gehört zu den wichtigesten Arzneimitteln gegen Tuberkulose. Nicht auszudenken, was passieren könnte, so Brantner, wenn dieses Gen auf Bakterien des Magen-Darm-Traktes übertragen werde und Krankheitserreger dann nicht mehr zu bekämpfen seien.

Die Gefahr, sich immer häufiger, mit solchen Hiobbotschaften auseinandersetzen zu müssen, steigt. Denn, so wusste die junge Mutter aus Brüssel zu berichten, die dortige Kommission hat den 27 Nationalstaaten der Europäischen Union einen “überaus gefährlichen Kuhhandel” vorgeschlagen. Demnach soll die Zulassung und das Verbot von Genpflanzen künftig von der EU wieder auf die nationalstaatliche Ebene verlagert werden. “Länder, die dann den Anbau verbieten wollen, riskieren, von Gentechnikfirmen verklagt zu werden, ganz zu schweigen von der Gefahr der Verseuchung über Ländergrenzen hinweg”. Auch deshalb, so Brantner, Spangenberg und Sckerl in Ladenburg, sei es wichtig, die Tendenz auf allen politischen Ebenen anzugehen. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung wäre es da gewiss auch, wenn sich die Metropolregion zur gentechnikfreien Zone erklären würde.

Der Wille der Menschen muss an die politischen Verantwortlichen, das ist erklärtes Ziel von Franziska Brantner. Eine Brücke von der Region nach Brüssel möchte sie am Freitag, 29. November, von 11 bis 18 Uhr, mit einer Konferenz mit dem Titel “Essen für alle” in Mannheim bauen. Eingeladen sind Verbraucher, Erzeuger und Interessierte aller Art, um gemeinsam zu erarbeiten, wie die künftige Agrarpolitik der EU aussehen soll.

Anmeldung und Information: Grünes Europabüro für die Metropolregion von Franziska Brantner, Rathausplatz 10 bis 12, 67059 Ludwigshafen, E-Mail: kirsten.baumbusch@gruene-europa.de.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Metropolregion Rhein-Neckar, Umwelt und Verkehr


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