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Ländlich, männlich, wertkonservativ?

Veröffentlicht am: 10. März 2010

Sinsheim/Metropolregion. Am Rande der Metropolregion, im Bezirk Odenwald-Kraichgau, sind höchst aktive Frauengruppen daheim. Das wurde deutlich, als die grüne Europaabgeordnete Franziska Brantner, sich am Vorabend des Internationalen Frauentages dort einfand, um über regionale Projekte und europäische Förderung zu sprechen. Eingeladen hatten Inge Behner, Charlotte Schneidewind-Hartnagel und Edith Wolber vom dortigen Kreisvorstand von Bündnis 90/Die Grüne. Sie alle haben mit der Struktur und dem Lebensgefühl zwischen Odenwald und Kraichgau so ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. “Ländlich, männlich, wertkonservativ” bringt das Charlote Schneidewind-Hartnagel knackig auf den Punkt. Was aber nicht bedeutet, dass die Frauen klein beigeben oder gar ihr Licht unter den Scheffel stellen würden. Vielmehr haben sie sich aufgemacht, Frauen zusammenzubringen und ein zukunftsweisendes Netz zu knüpfen über Partei- und Ortsgrenzen hinweg und miteinander etwas zu bewegen. Seit 28 Jahren gibt es da beispielsweise in Sinsheim den Bürgerkreis und die dortige Sozialpädagogische Familienhilfe. Dieser Kreis wiederum, so erklärte Christine Mohler, ist eingebunden in ein Netzwerk zur Hilfe bei sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen, zu dem beispielsweise auch noch der Verein Aufbruch sowie die Psychologische Beratungsstelle des Evangelischen Kirchenbezirks, das Jugendamt, die Schulsozialarbeiterinnen und das Diakonische Werk gehören. Sie alle arbeiten interdisziplinär zusammen, tauschen sich aus und stehen Betroffenen zur Seite. In erster Linie sind das Fachleute, aber auch Außenstehende, die sich mit einem Fall sexueller Gewalt konfrontiert sehen, können dazu stoßen. Immer wieder wird auch versucht, vorbeugend zu arbeiten. Denn das Problem so Christine Mohler, dürfte riesige Ausmaße haben. Jedes zweite bis vierte Mädchen und jeder vierte bis sechste Junge, so derzeit die Annahme, könnten betroffen sein. “Die Welle ist wahrscheinlich gigantisch”. Das vermutet auch Hilary Greif vom Verein Aufbruch, dem Arbeitskreis gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch. Seit rund 14 Jahren gibt es den Verein und die Lage hat sich nicht entspannt, im Gegenteil. Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und Gewalt sind auf dem Land ebenso zuhause wie in der Stadt. Auch Mädchen, die zwangsweise verheiratet werden sollten, haben schon Schutz beim Verein gesucht.

Dass die Not groß ist, weiß auch Dagmar Fink vom Verein “Frauen in Not”. Vor einem halben Jahrzehnt hieß es: Nun geht es los!“ Die Beratungsstelle nahm ihre Arbeit auf. Frauen rund um Weisloch, Walldorf und Umgebung, die häusliche Gewalt erfahren hatten, durften anrufen und Hilfe suchen. Hilfe zur Selbsthilfe, das war und ist es, was die Gruppe aus rund 20 sozial engagierten Frauen anbieten möchte. Dazu gehört nicht nur Zuhören und Ermuting, sondern auch die Kontaktaufnahme zu Ämtern und Behörden.

Wenn zu Ulrike Riedelberger, der Vorsitzenden des Dekanats Kraichgau der Katholischen Frauengemeinschaft, “Frauen in Not” kommen, sind es meist finanzielle Probleme, die sie bedrücken. Denn immer löchriger werden die sozialen Netzes. Sie und ihre Mitstreiterinnen verstehen die Unterstützung als eine “Art Nachbarschaftshilfe”, die aus Spenden finanziert wird. Ein wichtiges Augenmerk liegt dabei auf der interkulturellen Begegnung. Das ist bei der Arbeitsgemeinschaft Interkulturelle Frauenbegegnung in Eberbach genau so. Die wurde bereits vor sieben Jahren im Bewusstsein gegründet, den Migrantinnen aus der Türkei, Polen, von den Philippinen oder sonstwo her, zu zeigen, dass sie in der neuen Heimat willkommen sind. Vor fünf Jahren etwa entstand dann die Idee des interkulturellen Gartens. “Das ist ein Ort, wo die Seele zuhause ist”, formuliert das Ankica Kucka. Der Garten besteht aus unterschiedlichen Parzellen, die ökologisch bewirtschaftet werden. Zentral sind aber das gegenseitiges Kennenlernen, das gemeinsam Arbeiten, Feiern und natürlich das Fachsimpeln über den grünen Daumen hinweg.

Immer wieder etwas Neues einfallen lassen, müssen sich auch die Aktiven der Mädchenprojekte beim Spielmobil Kraichgau, so Gisela Drees. Vor allem das achtjährige Gymnasium macht es zunehmend kniffliger, dass die Mädchen die Angebote annehmen können. “Hinein in die Ganztagesschule”, so der Tipp von Franziska Brantner, auch wenn das natürlich nicht rein ehrenamtlich geleistet werden könne.

“Hand in Hand” heißt eine Initiative des Rhein-Neckar-Kreises und des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden. Das so genannte “Perinatale Präventionsnetzwerk” soll Familien und Frauen stärken, die währende der Schwangerschaft und nach der Geburt des Babys überfordert sind, bevor etwas Schlimmeres passiert. Wichtig sind dabei natürlich die stationären Plätze in der Klinik, wo Mutter und Kind zusammen aufgenommen werden können, aber auch die ambulanten Gruppen und die Aufmerksamkeit in den Krankenhäusern und Hebammen sowei das Wissen der Frauen darum, dass es keine Schande ist, mit dem Sprössling erst einmal so seine Schwierigkeiten zu haben.

Frauenthemen beackert die Europaabgeordnete Franziska Brantner nicht erst, seit sie im entsprechenden Ausschuss in Brüssel sitzt. Auch schon vor ihrer Wahl im vergangenen Juni war sie für die Frauenrechtsorganisation der Vereinten Nationen tätig. Die 30-jährige Freiburgerin, deren Wahlkreis die Metropolregion Rhein-Neckar ist, warnt davor, sich in Deutschland auf der Insel der Seligen zu wähnen. Beispielsweise werden Frauenhäuser, aber auch Präventionsarbeit  in vielen Ländern deutlich besser finanziell ausgestattet und das Bemühen zeigt auch Erfolg. Brantner appellierte dafür, bei der Neuverhandlung über den Staatsvertrag der Metropolregion im Herbst auch stärkere Kooperationen im sozialen Bereich zu ermöglichen. Mehr Transparenz forderte die Grünen-Politikerin im Umgang mit den Fördergeldern der EU. Da werde zwar in allen Antragsrichtlinien gefordert, dass auch Frauen betreffende Aspekte berücksichtigt werden, oft stehe das aber nur auf dem Papier. Sie empfahl den Frauen, beim Landkreis nachzufragen, welche Projekte der Arbeitskreis europäischer Sozialfonds bewilligt habe und dann genau hinzuschauen, ob frauen- oder mädchenspezifische Aspekte auch tatsächlich berücksichtigt werden.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Frauenpolitik, Initiativen und Internationales, Metropolregion Rhein-Neckar


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