Menschen müssen füreinander einstehen
Heidelberg. Eine zukunftsfähige Gesellschaft braucht Menschen, die füreinander einstehen. Männer und Frauen, die sich entschließen, Kinder aufzuziehen, ihre Eltern zu pflegen oder für andere da zu sein. Und damit sie das können, brauchen sie Verständnis und Unterstützung. Von allen. Auch vom Arbeitgeber. Das klingt so einfach und ist doch so schwer, wie die Regio-Konferenz “Standortfaktor Familie – Mehrwert für Unternehmen und Kommunen” zeigte. Die Konferenz für die Metropolregion Rhein-Neckar fand im Rahmen der Initiative “Schritt für Schritt ins Kinderland” statt. Deshalb hatte auch die baden-württembergische Ministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Senioren, Monika Stolz, als Impulsgeberin der Aktion den Weg in die noble Alte Aula der Universität gefunden. Etwas weniger pathetisch als zuvor Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner, der zitierte “das Schicksal des Staats hängt vom Zustand der Familie ab”, machte die Christdemokratin doch deutlich, dass es gelingen müsse, Pflege und Erwerbstätigkeit in Balance zu bringen. Das Heidelberger Stadtoberhaupt sieht sich in dieser Sache als “Thementreiber” in der Metropolregion und freut sich über 15 Bündnisse für Familie, die es bereits an Rhein und Neckar gibt.
Indes: Was bislang vor allem auf den Nachwuchs gemünzt und gedacht war, muss schleunigst auch die immer älter werdende Generation der Senioren mit einschließen, darin waren sich beide einig. Und das ist auch die Ansicht der grünen Europaabgeordneten Franziska Brantner, die für die Metropolregion Rhein-Neckar in Brüssel und Straßburg sitzt. Schon heute werden mehr als 65 Prozent der rund 237000 Pflegebedürftigen im Land daheim von Angehörigen gepflegt. Im Schnitt ist dieser Einsatz rund acht Jahre nötig. In absehbarer Zeit werden mehr Menschen Ältere pflegen als Kinder erziehen. Doch gegeneinader ausspielen sollte man die beiden Bereiche nicht. Das wurde den rund 200 Teilnehmenden aus Unternehmen, Berhörden, Hochschulen, Politik, Gemeinden und Städten sowie dem ganzen sozialen Sektor schnell deutlich. Viele der Erfahrungen aus der Organisation der Kinderbetreuung sind durchaus übertragbar. Das fängt bei der Erreichbarkeit auch für private Belange am Arbeitsplatz an und hört bei der Tagespflege im Krankheitsfall noch lange nicht auf.
Entscheidend ist indes Flexibilität, so dass die Lösungen auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten werden können. Das fordert auch Franziska Brantner. Längst schon spielen sich ihrer Ansicht nach die Lebenswelten über Gemeinde- und Ländergrenzen hinweg ab. Gerade in einem Dreiländer-Eck wie der Metropolregion Rhein-Neckar können die unterschiedlichen Gesetze, Förderrichtlinien und Verfahren den Menschen das Leben unnötig erschweren. Wenn Monika Stolz die Parole ausgibt, “das Geld folgt den Kindern” meint sie damit, dass organisiert werden muss, dass Eltern ihre Kinder auch an ihrem Arbeitsort betreuen lassen können und dass die Zuschüsse dann dahin fließen. Dass es da noch kräftig knirscht im Gebälk räumte die Ministerin in Heidelberg ein. Vor allem die arg gebeutelten Bürgermeister würden auch die Kosten dafür gerne abdrücken. “Doch was ist die Alternative?”, werden sie dann von Stolz gefragt, “ich sehe keine”. Trotz Finanzkrise habe das Land keine Wahl als in die Kleinkindbetreuung kräftig zu investieren. Denn die Frauen, die noch immer diese Familienarbeit überwiegend stemmen, sind heute hochqualifiziert und der Arbeitsmarkt braucht sie. “Auf dieses Potenzial kann die Wirtschaft nicht verzichten”, so Eva Schulte vom Kompetenzzentrum “Beruf und Familie” Baden-Württemberg. Nicht nur, dass Arbeitszufriedenheit, Motivation und damit auch die Treue zum Betrieb wachsen, Familienfreundlichkeit zahlt sich auch in barer Münze aus:
Der Mannheimer Energieversorger MVV hat ausrechnen lassen, was es bringt, wenn die Elternzeit kürzer und die Ausstiegsquote sowie die Krankheitstage wegen Überlastung weniger werden, weil das Unternehmen mitdenkt, wie es das Leben seiner “versorgenden” Beschäftigen mit Rat und Tat erleichtern kann. Jeder investierte Euro kommt mit 2,50 Euro zurück. “Andere Rechnungen ergeben sogar ein Verhältnis von 1:4″, weiß Andrea Kiefer von der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar. Doch diese Erkenntnis muss erst in die Köpfe der Verantwortlichen einsickern. Doch sie tun gut daran, schnell zu handeln. “Sonst”, so eine Teilnehmerin der Konferenz, “überrollt es uns”. Das Rad neu erfinden muss dabei niemand, vielmehr gilt es gute Beispiele einfach auf das eigene Gemeinwesen zu übertragen. Zum Beispiel Mauer. Da ist es Bürgermeister Jörg Albrecht gelungen, das Blatt zu wenden und in ein paar Jahren ein Bevölkerungswachstum von rund einem Viertel auf fast 4000 Einwohner zu schaffen. Wie hat er das in der Gemeinde des Homo heidelbergensis gemacht? Eine Zukunftswerkstätte familienfreundliche Kommune vor rund fünf Jahren hat nicht nur zu einem regen Miteinander, sondern auch dazu geführt, dass es ein Jugendzentrum gibt, gemeinsam ein Beach-Volleball-Feld gebaut wurde, ein Seniorenzentrum entstand, das Hallenbad erhalten werden und eine ganze Reihe von Baugebieten mit jungen Familien besiedelt werden konnte und die Kinder statt mit Taxi Mama gemeinsam zu Fuß im “Walking Bus” zur Schule gehen. Heute hat Mauer den niedrigsten Altersschnitt weit und breit. Zeit sich auf den Lorbeeren auszuruhen? Mitnichten, meint Albrecht, “der Entwicklungsprozess muss weiter gehen”. Familienfreundlichkeit sei eine Querschnittsaufgabe. Nachlassen verboten.
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