Neustadt an der Weinstraße: Stopp dem Flächenverbrauch
Neustadt an der Weinstraße. Es bewegt sich was, in der Südpfalz. Das zumindest konnte die Europaabgeordneten der Grünen, Franziska Brantner, in Neustadt feststellen, wohin sie ihre erste Stippvisite im Südwesten der Metropolregion Rhein-Neckar führte. Neben einer breiten Aufbruchstimmung in der Bevölkerung, was Interesse an ökologischen und somit grünen Themen angeht, zeigen sich hier aber auch exemplarische Probleme.
Beispiel: Flächenverbrauch. Mehr als 60 Hektar sind im Flächennutzungsplan von Neustadt als potenzielle Baugebiete ausgewiesen und das bei Ergebnissen der Demografiestudie der Metropolregion Rhein-Neckar die zeigen, dass schon jetzt in den Flächennutzungsplänen viel zu viel ausgewiesen ist. Bedarf bestünde beispielsweise bei großzügiger Rechnung von 1800 Hektar Wohnbau für die gesamte Metropolregion, ausgewiesen sind 3600 Hektar. Zwar ist langsam, so Franziska Brantner, ein wenig Einsicht bei den Ortsoberhäuptern zu spüren, aber der Paradigmenwechsel kommt nur zögerlich voran. Jeder möchte zunächst noch schnell sein eigenes Baugebiet realisieren.
Obwohl schon vielerorts absehbar ist, dass sich etliche Neuerschließungen nicht rechnen werden, weder für die Grundstücksbesitzer noch für die Kommunen, etliche Häuser stehen bereits leer. Dennoch, so berichteten Corinna Kastl-Breitner und Christoph Schmid als Vorsitzender der örtlichen Grünen, wird das Baugebiet Gimmeldinger Straße voran getrieben. Und das, so Manfred Hauer, der sich als betroffener Bürger dort gegen die Planungen stark macht, obwohl der Stadtbaudirektor Volker Klein weitere Neubaugebiete als „ökonomischen Wahnsinn“ bezeichnet hat. Sogar Oberbürgermeister Hans-Georg Löffler räumt ein, dass im Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ gehen müsse, aber im Fall der Gimmeldinger Straße rechtfertigt er das Projekt mit dem Ziel, die Baupreise in Neustadt drücken zu wollen.
Weitere Zankapfel der Kommunalpolitik ist der „Klemmhof“, das Innenstadt-Sanierungsgebiet, das schon zwei Mal in seiner Geschichte bundesweit in die Schlagzeilen geriet. Einmal in den 1970er Jahren wegen der unkonventionellen Art der Sanierung (statt zu restaurieren wurde abgerissen und in historisierender Betonbauweise wieder aufgebaut) und dann, weil in diesem Jahr die 130 Bewohner wegen akuter Einsturzgefahr evakuiert werden mussten. Hintergrund ist, dass beim Bau des Klemmhofes auf eine so genannte „weiße Wanne“ verzichtet wurde. Das ist eine Abdichtung zum Grundwasser hin. Schon seit Jahrzehnten weicht der Untergrund der dreistöckigen Tiefgarage auf mit fatalen Folgen für die Stabilität des gesamten Baukomplexes. Lange Monate wurde diskutiert und nun kürzlich entschieden, dass die städtische Wohnbaugesellschaft die Kosten übernimmt und die Wohnungen zurückkauft. Ein Vorgehen, gegen das die Grünen votierten, denn bislang schreibe die Gesellschaft schwarze Zahlen und benötige auch Geld, um ihre Sozialbauten ökologisch zu sanieren. Der städtische Haushalt müsse einspringen, so die Grünen, auch wenn das schmerzhaft sei.
Leben kann nur durch Leben entstehen
Neustadt an der Weinstraße. Bernd Naumer ist Biobauer aus Überzeugung, davon konnte sich die Europaabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Franziska Branter, bei ihrem Besuch überzeugen. Vor 45 Jahren sind Naumer und seine Familie aus dem Ortskern von Neustadt in die Speyerdorfer Straße 161 ausgesiedelt, seit 1981 praktiziert er die Landwirtschaft nach ökologischen Prinzipien. Er und seine Familie haben sich auf dem Akazienhof vor allem auf Milchprodukte sowie Rind- und Schweinefleisch spezialisiert. Umd die Tiere entsprechend füttern zu können, wird auf den 70 Hektar Fläche eine bunte Mischung aus Hirse, Buchweizen, Amaranth, aber auch Fenchel, Sonnenblumen, Körnermais, Getreide und als Gründüngung Luzerne und Weißklee angebaut. 8,5 Hektar Weinbau sind auch mit drin. Die 15 Mutterkühe weiden das ganze Jahr über draußen auf der Weide, auch die Schweine haben Freilauf, allerdings benötigen sie einen kuschlig-warmen Rückzugsraum. Geschlachtet wird auf dem Hof, ein Teil der Erzeugnisse dort auch direkt vermarktet. Dass die Europäische Union mit ihren Richtlinien ihm das Leben nicht immer einfacher macht, verhehlt Naumer nicht. Doch es sind nicht nur die Gesetze, die Lux-Zahl im Schweinestall oder die Trennung von Haltung und Schlachtung aufs Kleinste festschreiben. Oft kennen sich auch die Behörden vor Ort nur mäßig in der Gesetzeslage aus. „Es gibt aber auch ständig neue Dinge, die nicht immer verständlich sind“, so Naumer. Aus dem Konzept bringen lassen er und seine Familie sich trotzdem nicht. Der Landwirt ist ein genauer Beobachter der Umwelt und seiner Tiere. So ist ihm aufgefallen, wenn im Maiskorn der Keim lebt, also nicht all zu heiß getrocknet wurde, ist das sehr viel bekömmlicher und wenn Karotten-Allergiker die Wurzeln als biologisch gezüchtetes und angebautes Lebensmittel bekommen und das Saatgut nicht von Hybridpflanzen, die sich nicht mehr fortpflanzen können, stammt, reagieren sie darauf nicht allergisch.
„Leben kann nur durch Leben entstehen“, so sein Credo für Qualität. Das sieht Heinrich Dümler ähnlich. Er züchtet Schweine, Schafe, Rinder und Hühner in Wörth-Maximiliansau. Allesamt werden sie an der frischen Luft und bei Wind und Wetter draußen gehalten. Die Besonderheit des Demeter-Betriebes mit eigener Schlachtung sowie Wurstherstellung ist, dass die männlichen Ferkel dort nicht kastriert werden. Dümler und seine Familie wollen nicht in den natürlichen Entwicklungsprozess der Tiere eingreifen und haben seit 2005 gezeigt, dass das gehen kann. Die Haltung muss stimmen. Auch hier gilt die Devise mit dem guten Leben. Wer gute Lebensmittel will, so hat Dümler immer wieder erfahren, der muss den Tieren auch eine gute Lebenszeit ermöglichen. Der sorgsame Umgang mit Boden, Pflanzen, Mensch und Tier sind ihm und Bernd Naumer ein Herzensanliegen. Die Idee, ein grünes Diskussionsforum zum Thema Ernährung in die Pfalz zu holen und dazu Fachleute aus Medizin, ökologischer Landwirtschaft, Lebensmittelwissenschaft und natürlich Verbraucher und Pädagogen einzuladen, fiel denn auch bei Franziska Brantner auf fruchtbaren Boden. Schon im nächsten Jahr möchte sie in der Pfalz eine solche Konferenz ins Leben rufen, um regional die Verknüpfung von Gesundheit, Ernährung und Ökologie näher zu beleuchten.
„Denn so kann es nicht weiter gehen“, sagte die Parlamentarierin. Schon heute wird in Deutschland für die nicht genetisch bedingte Diabetes 30 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten im Jahr ausgegeben, für den gesamten Bildungssektor vom Kindergarten bis zur Hochschule sind es 50 Milliarden Euro. Letztlich, so unterstrich sie beim Besuch auf dem Akazienhof, werden die Folgen der industriellen Ernährungsmaschine auf die menschliche Gesundheit volkswirtschaftlich nicht mehr zu finanzieren sein. Allein schon deshalb müssen Ernährung und die Erzeugung von Lebensmittel umgestellt werden. Ganz zu schweigen davon, dass Klimaschutz und die Umwelt davon profitieren werden. Klar machte sie in diesem Zusammenhang auch, dass die Wachsamkeit in Sachen Grüner Gentechnik nicht nachlassen dürfe. Derzeit mache sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner zur Steigbügelhalterin der Futtermittelindustrie. Sie hatte Ende November angekündigt, die Zulassung der Genmaissorte MIR 604 im Agrarministerrat der Europäischen Union zustimmen zu wollen. Damit wird erstmals seit vielen Jahren eine Mehrheit für eine Gentech-Pflanze möglich. Und das, da sieht sich Franziska Brantner mit der Pfälzer Bundestagsabgeordneten Ulrike Höfken ganz auf einer Linie, obwohl diese Maissorte ein ähnliches Gift wie der verbotene Genmais MON 810 enthält. Es gehe nicht an, dass Profitinteressen von Gentechnikkonzernen und Futtermittelindustrie über das Gemeinwohl gestellt würden. Ähnlich sei die Lage bei der von der BASF hergestellten gentechnisch manipulierten Kartoffelsorte Amflora. Obwohl seit Jahren geantragt, ist die Amflora EU-weit noch nicht zugelassen. Während die europäische Lebensmittelbehörde die Gen-Knolle für sicher hält, fürchten hochrangige Kritiker, dass ein spezielles Gen der Kartoffel zu Antibiotika-Resistenzen führen, wenn es in den menschlichen Körper gelangt.
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